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Christoph F. Strnadl Dipl.-Ing. Dr. Christoph F. Strnadl

Einführung in Business Process Management (BPM) und BPM Systeme (BPMS)

Seit Mitte der 90er Jahre sind Business Process Management (BPM) oder Geschäftsprozessmanagement (GPM) wichtige Themen für Geschäftsführung, Fachbereiche und IT gleichermaßen. Während jedoch in der Vergangenheit der Fokus oft auf der bloßen Modellierung (dem "Zeichnen") von Prozessen lag oder die Automatisierung von trivialen und simplen Workflows im Mittelpunkt stand (Stichwort: Urlaubsantrag), bieten die heutigen IT Systeme (die sogenannten Business Process Management Systeme, BPMS) die Möglichkeit, fast beliebig komplexe und abteilungsübergreifende Prozesse zu digitalisieren. Dieser Artikel führt in die grundlegenden Konzepte in diesem Themenbereich ein.

I. EINLEITUNG

Während sich in den vergangenen Jahrzehnten die Unternehmen mit der effizienten Ausführung und lokalen Optimierung von einzelnen Funktionsbereichen beschäftigt haben, trat dabei der Gesamtzusammenhang der betriebenen und in der IT abgebildeten Systeme in den Hintergrund. Je stärker die Autonomie der Funktionsbereiche wurde, je mehr Funktionalitäten in einzelne "Silo Applikationen" einer Abteilung gepackt wurden, umso stärker stiegen der Aufwand und die Kosten für Abstimmung und Koordination zwischen Abteilungen und IT Systemen. Zur Überwindung dieses Dilemma begannen daher die Organisationen immer mehr, explizit ihre Prozesse in den Mittelpunkt ihrer (Verbesserungs-) Projekte zu stellen. Das Schlagwort Business Process Reenginee-ring (BPR) aus dem Jahr 1993 [1] ist dafür bester Beweis, auch wenn mittlerweile die teilweise überzogenen Erwartungen von BPR einem gesunden Realismus beim Angehen von Prozessverbesserungsprojekten gewi-chen sind.

Eine ähnliche Hinwendung zu Prozessen ist nicht nur in den funktionalen Bereichen der Unternehmen, sondern auch in der IT festzustellen. War die IT der 80er Jahre vorwiegend durch die Beschäftigung mit Data Management (Stichworte: relationale Datenbanken, Unternehmensdatenmodelle) gekennzeichnet, ohne im speziellen über die Automatisierung von (simplen) Aufgaben und Aktivitäten hinaus auf Prozesse gesondert einzugehen, so standen die 90er Jahre im Zeichen des Application Managements. Dabei wurden erstmals durch die Einführung von ERP (Enterprise Resource Planning) Applikationen großflächig Unternehmensprozesse in Applikationen abgebildet. Der radikale Ansatz des Business Process Reengineerings [1] hat ebenfalls — wenngleich auch mit geringem Implementierungserfolg — das Top Management in der Frage nach der Prozessunterstützung gerade durch IT sensibilisiert.

In Zusammenhang mit einer oft schwach ausgeprägten (falls überhaupt explizit vorhandenen) strategischen IT Architektur hat dies in vielen Fällen zu einer heterogenen und verteilten n-tier Architektur geführt, in der zahlreiche funktionale Applikationssilos Geschäftslogiken und Prozesssteuerung teilweise in Code, teilweise in Konfigurationstabellen oder auch in externen Integrationsplattformen (Stichwort: Enterprise Application Integration, EAI) abbilden. Tatsächlich können in dieser Situation die IT und die Prozesse nicht mehr voneinander getrennt werden: Sie sind zu einem einzigen praktisch untrennbaren (und auch unentwirrbaren) Geflecht verwoben.

Obwohl die Unternehmen etwa 40% ihrer IT Kosten aufwenden, um bestehende Applikationen weiter zu unterstützen bzw. neue Funktionalitäten einzuführen, werden die Erwartungen der Fachanwender und des Ma-nagements typischerweise von der IT enttäuscht: Änderungen der Prozesse führen sofort und notwendigerweise zu Änderungen in den Applikationen — da letztere aber nur fehleranfällig, langsam und auch teuer adaptiert werden können, weitet sich der (ohnehin schon bestehende) Graben zwischen Fachabteilung / Geschäftsführung und der IT Abteilung aus. Dazu kommt, dass in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung die Komplexität, Konkurrenz und die Betonung des Shareholder Values [2] zunehmen und von den Unternehmen die gleichzeitige Optimierung von Flexibilität und Profitabilität gefordert wird: Ein Unterfangen, dass in vielen Fällen von der Schwerfälligkeit der IT behindert, wenn nicht gar verhindert wird.

II. VISION VON BPM

Vor diesem Hintergrund stellt Business Process Management (BPM) mit seinem klaren und deutlichen Fokus auf die Geschäftsprozesse ein tragfähiges Fundament für eine Vision dar, die tatsächlich in der Lage ist, den Graben zwischen IT und Fachabteilung (den sogenannten „business-IT divide“) zu überwinden. In letzter (visionärer) Konsequenz heißt BPM, dass sich Organisation und Fachabteilungen selbst völlig ohne Mithilfe der IT ihre Prozesse im Rahmen der Modellierung des BPMS zusammenstellen und Aktivitäten steuernd und koordinierend anordnen (können). Das fertige Prozessmodell wird dann einfach an eine entsprechende Process Engine zur Abarbeitung und Ausführung übergeben. Eine eigentliche Programmierung und Applikationsentwicklung findet dabei überhaupt nicht mehr statt!

In diesem Sinne kann die (radikale) Vision von BPM auch als: „Don’t bridge the business-IT divide—obliterate it!“ formuliert werden [3]. Zusammen mit der architektonischen Grundlagen einer service-orientierten IT Architektur (SOA) beschränkt sich die applikationsorientierte Rolle der IT Abteilung in diesem Zukunftsszenario auf die Aufgabe, Services zu implementieren. Die gewohnte Anwendungsentwicklung im klassischen Sinne ist dann nicht mehr notwendig und findet ergo dessen auch nicht mehr statt.

Auch wenn man zugesteht, dass eine derartige Vision nicht in einem Schritt erreicht werden kann, sollen die in diesem White Paper angeführten Ausführungen demonstrieren, welche konkreten ersten Schritte heute schon in der Lage sind, die Unternehmen in diese (richtige) Richtung zu bringen.

III. BASISDEFINITIONEN

In diesem Abschnitt sollen die Definitionen der wichtigsten Begriffe im Umfeld und Kontext von BPM bzw. BPMS eingeführt werden.

A. Prozesse
Ausgehend von zahlreichen zum Teil sehr unterschiedlichen Definitionen von "Prozess" können jedoch die folgenden Gemeinsamkeiten festgehalten werden (vgl. Abbildung 1 und [4]-[6]).

Abb. 1: Definition von
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Abb. 1: Definition von "Prozess"

Ein Prozess ist eine strukturierte und gesteuerte Folge von Aktivitäten (in der Regel von Menschen, aber auch von sonstigen Systemen), die angibt, wie aus einem vorgegebenen Input ein bestimmtes Ergebnis ("Output") erzeugt werden soll (Thomas Davenport hat das einmal sehr prägnant eine Structure for Action genannt [6]). Darüber hinaus in den meisten Fällen klar, dass Prozesse immer eine bestimmte Infrastruktur benötigen, um ablaufen zu können (nicht nur IT Systeme, sondern bspw. Fahrzeuge zum Transport von Personen oder Sachen, Maschinen zur Verarbeitung von bestimmtem Input u.a.m.). Dieses "Wegabstrahieren" der Details der inneren Struktur der Aktivitäten führt dann zu der nachfolgenden Darstellung eines abstrakten "Prozesses" in Abbildung 2.

Abb.2: Abstraktionsschritt von Struktur zum Prozess
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Abb.2: Abstraktionsschritt von Struktur zum Prozess

Es ist weiters deutlich, dass einerseits die Prozesse auf der abstrakten Ebene von Aktivitätsflüssen einfach modelliert (bzw. graphisch dargestellt) werden können, andererseits aber praktisch alle wichtigen Prozesse innerhalb von Unternehmen die IT (bzw. geeignete Applikationen) zur Unterstützung benötigen. Dieser oft komplexe Zusammenhang ist schematisch in der nachstehenden Abbildung 3 wieder gegeben.

Das Herstellen dieser notwendigen Verbindungen von den Aktivitäten bis hinunter zu den IT Systemen bleibt (bzw. ist) in vielen Fällen Aufgabe der IT Abteilung. Dabei hat sich die Strukturierung der Analyse im Rahmen des sogenannten process-driven Architecture (PDA) Modells

  • Prozessintegration (einschließlich der Modellierung und Digitalisierung der Prozesse)
  • Informationsintegration (inklusive Methoden des Semantic Webs)
  • Service Integration (unter Berücksichtung von Konzepten einer service-orientierten Architektur, SOA)
  • Technologie Integration (für das "Anflanschen" der bestehenden Systeme)
Abb.3: Vom Prozess zu den IT-Systemen
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Abb.3: Vom Prozess zu den IT-Systemen

bewährt (siehe [7] für eine ausführlichere Einführung).

B. Geschäftsprozesse
Wenn man reale Unternehmen in Prozesse gliedern möchte, wird einsichtig, dass es tendenziell sehr viele "Prozesse" im allgemeinen Sinne in derartigen Organisationen geben wird. Daher wird man in der Regel seine Menge an Prozessen in geeigneten Schemata kategorisieren. Typisch ist hier die Gliederung in kleinere Prozesse ("Unterprozesse"), also entlang der Unterscheidung "besteht aus": Hauptprozess – Prozess – Teilprozess – Prozessfragment – Aktivitätskette bis hin zur (aus Prozesssicht) nicht mehr weiter teilbaren Aktivität.

Abb.4: Definition von Geschäftsprozess
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Abb.4: Definition von Geschäftsprozess

Die gröbste Kategorie wird dann typischerweise Geschäftsprozess genannt. Dabei wird bei einem Geschäftsprozess oft der Kunde oder die Kundenbeziehung in den Mittelpunkt gestellt, mitunter aber auch sonstige strategische (also für das Unternehmen langfristig wichtige) Ziele. Die Summe der einzelnen (kleineren) Prozesse, die alle der Erfüllung dieser Kundenanforderungen oder der strategischen Anforderungen ausgeführt oder zusammen gefasst werden, nennt man daher Geschäftsprozess (vgl. Abbildung 4 und [4]–[6]).

Innerhalb der Literatur (auch zwischen Akademikern und Praktikern) herrscht Uneinigkeit, wie viele Geschäftsprozesse (im hier angegebenen Sinne) ein "ordentliches" Unternehmen überhaupt haben kann. Die Angaben schwanken hier von mindestens 3 bis maximal 15. In unserer Erfahrung wird man sich hier oft bei der "magischen" Zahl 7 +/- 2 einpendeln. Als Beispiel für eine vergleichsweise allgemeine Gliederung von Unternehmen in Geschäft

(Kompletter Text nur für Netzwerk-Mitglieder)



Veröffentlicht von Dipl.-Ing. Dr. Christoph F. Strnadl bei BPM-Netzwerk.de am 29. June 2006

Mein BPM-Statement:

BPM ist keine bestimmte Software. BPM ist keine bestimmte Abteilung. BPM ist kein bestimmtes Unternehmen. BPM ist keine bestimmte Methode. BPM ist keine bestimmte Notation. BPM ist kein bestimmtes Führungsinstrument. BPM ist kein bestimmtes Marketinginstrument. BPM ist auch keine bestimmte Managementmethode. Was ist BPM dann? BPM ist eine Unternehmenskultur. Nur wer es schafft, seine Aktivitäten im Unternehmen effizient und effektiv zu gestalten und anzuordnen, um Kundenbedürfnisse ebenso effizient und effektiv zu befriedigen, wird langfristig am Markt Erfolg haben. Erst daraus ergibt sich die benötige Software, benötigte Methoden und so weiter.

Dipl.-Wirt.-Inform. Michael Körber, agentes industries GmbH, Mitglied seit 14. June 2011
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